Zink bei Tinnitus: Was die Studien wirklich zeigen

Zink bei Tinnitus: Was die Studien wirklich zeigen
Zink bei Tinnitus: Was die Studien wirklich zeigen

Kurze Antwort: Hilft Zink bei Tinnitus?

Zink hilft bei Tinnitus nicht nachweisbar. Ein Cochrane-Review mit drei randomisierten Studien und 209 Teilnehmern fand keinen signifikanten Unterschied zu Placebo, weder bei der Tinnituslautstärke noch beim Schweregrad (Person et al. (2016)). Die GRADE-Bewertung für alle Endpunkte lautet: sehr niedrig. Einzig bei bestätigtem Zinkmangel gibt es Hinweise auf einen möglichen Subgruppeneffekt. Wer nicht an einem Zinkmangel leidet, hat nach aktuellem Forschungsstand keinen Nutzen von einer Zinksupplementierung gegen Tinnitus zu erwarten.

Warum so viele Menschen Zink gegen Tinnitus ausprobieren

Wenn der Tinnitus nicht aufhört, sucht man nach jedem Strohhalm. Der Gang in die Apotheke und der Griff zu einem Zinkpräparat ist nachvollziehbar: Zink ist preiswert, gilt als harmlos und klingt nach einem vernünftigen Versuch. Im Netz kursieren Zahlen wie “82 Prozent Verbesserung”, die Hoffnung machen. Dass solche Aussagen oft unkritisch übernommen werden, ohne Placebo-Vergleich und ohne Einordnung der Studienlage, liegt nicht an der Naivität der Suchenden, sondern an der Qualität der verfügbaren Informationen.

Die biologische Hypothese, die hinter Zink als Tinnitusmittel steckt, ist nicht aus der Luft gegriffen. Zink kommt in hohen Konzentrationen in der Cochlea vor, und manche Studien zeigen, dass Tinnitus-Patienten im Schnitt niedrigere Zinkspiegel haben als Gesunde. Das klingt plausibel. Plausibilität ist aber kein Wirksamkeitsnachweis. Dieser Artikel erklärt, was die Studien wirklich zeigen und wo der wesentliche Unterschied liegt, den kaum jemand benennt.

Die biologische Hypothese: Warum Zink theoretisch wirken könnte

Zink gehört zu den häufigsten Spurenelementen im menschlichen Körper und ist an Hunderten enzymatischer Prozesse beteiligt. Im Hörsystem ist die Konzentration von Zink besonders hoch: In der Cochlea, dem Schneckenorgan des Innenohrs, werden antioxidative Enzyme wie die Superoxiddismutase durch Zink reguliert. Diese Enzyme schützen die empfindlichen Haarzellen vor oxidativem Stress, der etwa durch Lärm, Alterung oder Durchblutungsstörungen entsteht.

Zink beeinflusst außerdem die NMDA-Rezeptoren im auditorischen System. Diese Rezeptoren sind an der Signalverarbeitung im Hörweg beteiligt, und eine fehlerhafte NMDA-Aktivierung wird mit der Entstehung von Tinnitus in Verbindung gebracht. Die Idee: Ein Zinkmangel könnte diese Rezeptoren aus dem Gleichgewicht bringen und so zum Phantomgeräusch beitragen.

Beobachtungsstudien stützen die Hypothese teilweise. Manche Untersuchungen zeigen, dass Tinnitus-Patienten im Mittel niedrigere Serumzinkwerte aufweisen als Menschen ohne Tinnitus. Eine größere Analyse aus den USA (NHANES-Daten) stellte fest, dass eine zu geringe Zinkzufuhr mit einem rund 44 Prozent erhöhten Tinnitus-Risiko assoziiert war.

All das klingt überzeugend. Das Problem: Eine Korrelation zwischen Zinkspiegel und Tinnitus erklärt nicht, ob eine Zinkgabe den Tinnitus bessert. Der menschliche Körper ist kein lineares System, in dem man einen Mangel auffüllt und dadurch ein Symptom beseitigt. Biologische Plausibilität ist der erste Schritt in der Forschung, nicht der letzte. Klinische Studien müssen zeigen, was tatsächlich passiert, wenn Patienten Zink einnehmen.

Was die Studien tatsächlich zeigen: Der Cochrane-Review im Detail

Der zuverlässigste Überblick zur Frage “Hilft Zink bei Tinnitus?” kommt von einer Cochrane-Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2016. Person et al. (2016) werteten drei randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 209 Teilnehmern aus. Das ist die höchste Evidenzstufe, die für diese Frage verfügbar ist.

Das Ergebnis war klar: Kein einziger Endpunkt zeigte einen statistisch signifikanten Vorteil von Zink gegenüber Placebo.

StudienErgebnisKonfidenzintervallSignifikanz
Arda 200350Tinnituslautstärke: MD -9,71 dB95%-KI: -25,53 bis 6,11Nicht signifikant
Paaske 199150Schweregrad: 8,7% vs. 8,0% Besserung (Zink vs. Placebo)95%-KI RR: 0,17-7,10Nicht signifikant
Coelho 2013109Lautstärkebewertung: MD 0,5095%-KI: -5,08 bis 6,08Nicht signifikant

Was bedeutet das Konfidenzintervall in der Praxis? Beim Arda-Ergebnis von -9,71 Dezibel sieht eine Verringerung der Lautstärke zunächst beeindruckend aus. Das Konfidenzintervall von -25,53 bis 6,11 bedeutet aber: Der wahre Wert könnte genauso gut bei 6,11 Dezibel mehr Lautstärke liegen. Das Ergebnis ist zu unsicher, um irgendeinen Schluss zu ziehen.

Besonders aussagekräftig ist der Vergleich bei Paaske: Im Zink-Arm besserten sich 8,7 Prozent der Teilnehmer, im Placebo-Arm 8,0 Prozent. Das ist statistisch und klinisch bedeutungslos.

Für alle Endpunkte vergeben die Cochrane-Autoren die GRADE-Bewertung “sehr niedrig”. Das bedeutet nicht “Zink könnte vielleicht doch wirken”. Es bedeutet, dass die Studien zu klein und methodisch zu schwach waren, um den Nulleffekt präzise zu messen. Der Nulleffekt bleibt die beste verfügbare Schätzung.

Person et al. (2016) schreiben direkt: “We found no evidence that the use of oral zinc supplementation improves symptoms in adults with tinnitus.”

Die klinischen Leitlinien ziehen daraus klare Konsequenzen. Die deutsche S3-Leitlinie chronischer Tinnitus stellt fest: “Zudem gibt es auch keine Wirksamkeitsnachweise für Nahrungsergänzungsmittel und andere Medikamente gegen Tinnitus im chronischen Stadium” (AWMF (2021)). Zink wird dort namentlich als Mittel genannt, das nicht empfohlen werden soll (Empfehlungsgrad A, höchste Stufe). Die amerikanische Fachgesellschaft AAO-HNS folgt derselben Bewertung.

Kleine unkontrollierte Studien zeichnen bisweilen ein anderes Bild. Yeh et al. (2019) fanden bei 17 von 20 Patienten eine subjektive Verbesserung im Tinnitus-Handicap-Inventar nach Zinkgabe. Kein einziger objektiver audiometrischer Wert änderte sich jedoch: weder Hörschwelle, noch Sprachverständnis, noch die gemessene Tinnituslautstärke oder -frequenz. Das deutet darauf hin, dass die berichtete Besserung eher auf den Placebo-Effekt zurückzuführen ist als auf eine neurophysiologische Wirkung von Zink (Yeh et al. (2019)). Ohne Kontrollgruppe lässt sich das nicht endgültig klären, aber es illustriert, warum kontrollierte Studien nötig sind, bevor eine Therapie empfohlen werden kann.

Ausnahme Zinkmangel: Wann eine Supplementierung sinnvoll sein könnte

Es gibt eine wichtige Differenzierung, die im Netz fast nie gemacht wird: Ein Nullbefund für die allgemeine Bevölkerung bedeutet nicht, dass Zink für jeden irrelevant ist.

Yetiser et al. (2002) untersuchten 40 Patienten mit schwerem Tinnitus und stellten fest, dass 6 von ihnen einen bestätigten Zinkmangel (Hypozinkämie) hatten. Nach zweimonatiger Zinksupplementierung berichteten alle 6 Patienten mit Mangel über eine subjektive Verbesserung (Yetiser et al. (2002)). In der Gesamtgruppe, also auch bei denjenigen ohne Mangel, zeigte sich kein signifikanter Effekt.

Diese Studie hat erhebliche Schwächen: keine Placebo-Gruppe, nur 6 Personen in der relevanten Subgruppe, subjektive Endpunkte, nur zwei Monate Beobachtung. Trotzdem ist der Befund klinisch sinnvoll: Wer an einem Zinkmangel leidet, bei dem ist eine Korrektur des Mangels aus allgemeinen Gesundheitsgründen sinnvoll. Ob das den Tinnitus bessert, lässt sich auf Basis dieser Daten nicht sicher sagen. Aber es gibt zumindest einen biologisch plausiblen Mechanismus.

Wer könnte ein erhöhtes Risiko für Zinkmangel haben?

  • Ältere Menschen (schlechtere Absorption, oft einseitige Ernährung)
  • Menschen mit vegetarischer oder veganer Ernährung (Phytate in Hülsenfrüchten hemmen die Zinkaufnahme)
  • Personen mit Malabsorptionssyndromen wie Morbus Crohn oder Zöliakie
  • Menschen nach bariatrischer Operation

Die Empfehlung ist daher nicht: Kaufe kein Zink. Die Empfehlung ist: Lass erst deinen Zinkspiegel vom Arzt oder HNO bestimmen, bevor du supplementierst. Ein einfacher Bluttest zeigt, ob ein Mangel vorliegt. Wenn ja, ist eine ärztlich begleitete Supplementierung sinnvoll, auch wenn der Effekt auf den Tinnitus unsicher bleibt. Wenn kein Mangel vorliegt, gibt es nach aktuellem Forschungsstand keinen Grund zur Einnahme.

Risiken: Was bei dauerhafter Zinkeinnahme zu beachten ist

Zink gilt im Volksmund als harmlos. Das stimmt für kurze Phasen und moderate Mengen. Wer aber dauerhaft hoch dosiert supplementiert, geht ein reales Risiko ein.

Der tolerierbare Höchstwert (Tolerable Upper Intake Level) für Erwachsene liegt laut NIH bei 40 mg elementarem Zink pro Tag (NIH (2024)). Die Dosierungen, die in Tinnitusstudien typischerweise verwendet wurden, lagen bei 220 mg Zinksulfat, was etwa 50 mg elementarem Zink entspricht. Das überschreitet den empfohlenen Höchstwert.

Das zentrale Risiko bei chronischer Überdosierung: Zink verdrängt Kupfer. Im Darm konkurrieren beide Mineralien um denselben Aufnahmemechanismus. Zu viel Zink über längere Zeit führt zu Kupfermangel, und der hat ernste Folgen: Blutarmut (Anämie), Verringerung weißer Blutkörperchen (Neutropenie) und neurologische Schäden wie eine Schädigung des Rückenmarks (Myelopathie). Ein Fallbericht beschreibt schwere Anämie durch Kupfermangel nach regelmäßiger Zinkeinnahme (Magham et al. (2023)).

Kurzfristige Nebenwirkungen sind häufig milder: In den RCTs berichteten drei Teilnehmer über leichte Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit (Person et al. (2016)). Wer empfindlich reagiert, merkt das oft rasch.

Nimm Zinkpräparate nicht ohne ärztlichen Rat dauerhaft ein, besonders nicht in Dosierungen über 40 mg elementarem Zink pro Tag. Bei längerer Einnahme kann ein Kupfermangel entstehen, der Blutbild und Nervensystem beeinträchtigt.

Fazit: Ehrliche Einschätzung statt falscher Hoffnungen

Zink ist kein belegtes Mittel gegen Tinnitus. Der Cochrane-Review zeigt keinen Effekt bei unausgewählten Tinnitus-Patienten, die deutschen und amerikanischen Leitlinien empfehlen es ausdrücklich nicht, und die Studienqualität ist gering. Wer hofft, mit Zinktabletten den Tinnitus loszuwerden, wird nach aktuellem Kenntnisstand enttäuscht werden.

Eine sinnvolle Ausnahme: Wer in einer Risikogruppe für Zinkmangel ist, sollte den Spiegel ärztlich abklären lassen. Bei bestätigtem Mangel kann eine Supplementierung aus allgemeinen Gesundheitsgründen berechtigt sein.

Zink ersetzt keine leitliniengerechte Tinnitustherapie. Kognitive Verhaltenstherapie und Tinnitus-Retraining-Therapie haben eine deutlich bessere Evidenzgrundlage. Sprich mit deinem HNO-Arzt oder deiner HNO-Ärztin darüber, welche Optionen für deine Situation passen.

Häufig gestellte Fragen

Hilft Zink wirklich bei Tinnitus?

Nach aktuellem Forschungsstand nicht. Ein Cochrane-Review mit drei randomisierten Studien und 209 Teilnehmern fand keinen signifikanten Unterschied zwischen Zink und Placebo, weder bei der Tinnituslautstärke noch beim Schweregrad. Einzig bei bestätigtem Zinkmangel gibt es schwache Hinweise auf einen möglichen Effekt.

Was ist der Unterschied zwischen Zinkmangel und normaler Zinksupplementierung bei Tinnitus?

Dieser Unterschied ist entscheidend: Für Menschen ohne Zinkmangel gibt es keinen Beleg, dass Zink den Tinnitus bessert. Bei Menschen mit bestätigtem Zinkmangel (Hypozinkämie) zeigten sich in einer kleinen unkontrollierten Studie subjektive Verbesserungen. Deshalb empfiehlt sich zuerst ein Bluttest, bevor man supplementiert.

Welche Dosis Zink wird in Tinnitusstudien verwendet, und ist das sicher?

In den meisten Studien wurden 220 mg Zinksulfat pro Tag eingesetzt, was etwa 50 mg elementarem Zink entspricht. Das überschreitet den vom NIH empfohlenen Höchstwert von 40 mg pro Tag für Erwachsene. Bei dauerhafter Einnahme in dieser Menge kann ein Kupfermangel entstehen.

Kann zu viel Zink gefährlich sein? Was ist mit Kupfermangel?

Ja. Chronische Zinkeinnahme über dem Höchstwert von 40 mg pro Tag verdrängt Kupfer im Darm und kann zu Kupfermangel führen. Die Folgen können Blutarmut, verminderte weiße Blutkörperchen und neurologische Schäden sein. Wer Zink langfristig einnimmt, sollte das ärztlich begleiten lassen.

Wer sollte seinen Zinkspiegel testen lassen?

Risikogruppen für Zinkmangel sind ältere Menschen, Personen mit vegetarischer oder veganer Ernährung, Menschen mit Malabsorptionserkrankungen wie Morbus Crohn oder Zöliakie sowie Personen nach bariatrischen Operationen. Ein einfacher Bluttest beim Hausarzt oder HNO-Arzt gibt Klarheit.

Was empfehlen deutsche und amerikanische Leitlinien zu Zink bei Tinnitus?

Beide raten ausdrücklich davon ab. Die deutsche S3-Leitlinie chronischer Tinnitus (AWMF 2021) empfiehlt mit dem höchsten Empfehlungsgrad, Zink nicht einzusetzen. Die amerikanische Fachgesellschaft AAO-HNS teilt diese Einschätzung auf Basis derselben Studienlage.

Warum behaupten manche Anbieter, Zink helfe bei 80 Prozent der Tinnitus-Patienten?

Solche Zahlen stammen meist aus kleinen, unkontrollierten Studien ohne Placebo-Vergleich. Ohne Kontrollgruppe lässt sich nicht unterscheiden, ob eine Verbesserung durch Zink, durch den Placebo-Effekt oder durch den natürlichen Verlauf des Tinnitus entstand. Der Cochrane-Review, der kontrollierte Studien zusammenfasst, zeigt keinen solchen Effekt.

Gibt es belegte Alternativen zur Zinkeinnahme bei Tinnitus?

Ja. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) haben eine deutlich bessere Evidenzgrundlage und werden von deutschen und internationalen Leitlinien empfohlen. Sprich mit deinem HNO-Arzt darüber, welche Therapie für deine Situation geeignet ist.

Quellen

  1. Person OC, Puga ME, da Silva EM, Torloni MR (2016) Zinc supplementation for tinnitus Cochrane Database of Systematic Reviews
  2. AWMF / Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde (2021) S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus AWMF
  3. Yetiser S, Tosun F, Satar B, Arslanhan M, Akcam T, Aydin N (2002) The role of zinc in management of tinnitus Auris Nasus Larynx
  4. Yeh CW, Tseng LH, Yang CH, Hwang CF (2019) Effects of oral zinc supplementation on patients with noise-induced hearing loss associated tinnitus: A clinical trial Biomedical Journal
  5. Magham K, Han J, Eilbert W, Bunney EB (2023) Severe copper deficiency anemia caused by zinc supplement use American Journal of Emergency Medicine
  6. NIH Office of Dietary Supplements (2024) Zinc Fact Sheet for Health Professionals NIH Office of Dietary Supplements

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