Kurze Antwort: Gibt es ein wirksames Medikament gegen Tinnitus?
Für chronischen Tinnitus gibt es in Deutschland kein zugelassenes Medikament mit belegter Wirksamkeit. Ginkgo biloba ist als Phytopharmakon zwar arzneimittelrechtlich zugelassen, wird aber von der AWMF S3-Leitlinie und Cochrane-Metaanalysen nicht empfohlen, da kein signifikanter Unterschied zu Placebo nachgewiesen wurde (DGHNO-KHC (2021); Sereda et al. (2022)). Bei akutem Tinnitus infolge eines Hörsturzes kann Kortison ärztlich eingesetzt werden. “Zugelassen” bedeutet nicht dasselbe wie “wirksam” — das ist der Widerspruch, den dieser Artikel erklärt.
Du suchst ein Mittel — das verstehen wir
Wenn Ohrgeräusche den Alltag bestimmen, ist der Griff zur Apotheke naheliegend. Dort stehen Präparate mit Ginkgo biloba, Zink, Magnesium oder Vitamin B12 im Regal, oft mit Aufschriften wie “unterstützt das Gehör” oder “sorgt für innere Ruhe”. Der Eindruck, dass diese Mittel offiziell gegen Tinnitus zugelassen und wirksam seien, ist verständlich — und er ist falsch.
Dieser Artikel erklärt, welche Mittel in Deutschland tatsächlich eine arzneimittelrechtliche Zulassung haben, was diese Zulassung rechtlich bedeutet, und warum sie nichts darüber aussagt, ob ein Präparat bei Tinnitus wirklich hilft. Die Antwort ist unbequem, aber sie ist die ehrlichste Grundlage für deine Entscheidung.
Die drei Kategorien: Tinnitus-Medikamente, Phytopharmaka, Nahrungsergänzungsmittel
Wer nach Ohrgeräusche-Medikamenten sucht, begegnet sehr unterschiedlichen Produkten — vom verschreibungspflichtigen Arzneimittel bis zum Nahrungsergänzungsmittel im Drogeriemarkt. Der regulatorische Unterschied zwischen diesen Kategorien ist erheblich.
Kategorie 1: Verschreibungspflichtige Arzneimittel
Mittel wie Kortison (Glukokortikoide) oder Betahistin sind verschreibungspflichtige Arzneimittel nach dem deutschen Arzneimittelgesetz (AMG). Sie durchlaufen ein formales Zulassungsverfahren, das Wirksamkeitsbelege voraussetzt — allerdings für die jeweilige zugelassene Indikation. Kortison ist für den Hörsturz (mit akutem Tinnitus) indiziert, nicht für chronischen Tinnitus. Für chronischen Tinnitus gilt laut DGHNO-KHC (2021): “Eine tinnitussymptombezogene Arzneimitteltherapie steht nicht zur Verfügung.”
Kategorie 2: Zugelassene Phytopharmaka (pflanzliche Arzneimittel)
Ginkgo-Präparate wie Tebonin haben in Deutschland eine arzneimittelrechtliche Zulassung — aber unter einem anderen Verfahren. Der Paragraph 39a AMG regelt traditionelle pflanzliche Arzneimittel. Für diese Kategorie ist kein vollständiger Wirksamkeitsnachweis durch randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) erforderlich. Es genügt eine langjährige Tradition des Gebrauchs sowie die Bewertung durch die Kommission E und ESCOP-Monographien. Das bedeutet: Die Zulassung bescheinigt historische Verwendung und Unbedenklichkeit, nicht klinische Wirksamkeit.
Kategorie 3: Nahrungsergänzungsmittel (NEM)
Zink, Magnesium und Vitamin B12 sind in der Regel keine Arzneimittel, sondern Nahrungsergänzungsmittel. Als solche unterliegen sie dem Lebensmittelrecht, nicht dem Arzneimittelgesetz. Für sie ist keinerlei Wirksamkeitsnachweis erforderlich. Hersteller dürfen allgemeine gesundheitsbezogene Angaben machen (sogenannte Health Claims), soweit sie EU-weit zugelassen sind — aber keine spezifischen Heilversprechen für Tinnitus. Diese Produkte sind nicht als Tinnitus-Therapeutika zugelassen.
| Kategorie | Beispiele | Arzneimittelzulassung? | Wirksamkeitsnachweis (RCT) erforderlich? |
|---|---|---|---|
| Verschreibungspflichtige Arzneimittel | Kortison, Betahistin | Ja (für spez. Indikation) | Ja |
| Traditionelle Phytopharmaka (§39a AMG) | Ginkgo biloba (Tebonin) | Ja (vereinfacht) | Nein |
| Nahrungsergänzungsmittel | Zink, Magnesium, Vitamin B12 | Nein | Nein |
Diese Dreieinteilung fehlt in fast allen Patienteninformationen zu Tinnitus-Tabletten — dabei ist sie der Schlüssel zum Verständnis dessen, was in der Apotheke wirklich angeboten wird.
Was bei akutem Tinnitus ärztlich eingesetzt wird
Bei einem plötzlichen Hörsturz mit begleitendem Tinnitus kann eine Kortison-Therapie sinnvoll sein. Die AWMF-Leitlinie für den Hörsturz empfiehlt systemische Kortikosteroide (oral oder als Infusion) als Standardtherapie — aber ausdrücklich nur in der Akutphase und nur wenn ein Hörverlust vorliegt. Für Tinnitus ohne nachweisbaren Hörverlust ist die Evidenz selbst in der Akutphase deutlich schwächer.
Eine prospektive randomisierte Studie (n=54) verglich intratympanales Dexamethason mit intratympanaler Kochsalzlösung bei akutem einseitigem Tinnitus und fand keinen signifikanten Unterschied zwischen beiden Gruppen: Die Besserungsrate lag bei 51,9% in der Steroid-Gruppe und 59,3% in der Placebo-Gruppe (Lee et al. (2018)). Das ist ein wichtiger Befund — selbst die gezieltere Steroid-Injektion ans Ohr schneidet nicht besser ab als eine Kochsalzlösung.
Für chronischen Tinnitus gilt das noch klarer: “Nach allen vorliegenden Studien besteht besonders für rheologische, vasoaktive Substanzen und auch für eine Steroidtherapie bei chronischem Tinnitus keine Evidenz, also auch nicht für den Einsatz von etwa Betahistin, Pentoxifyllin und Kortisonpräparaten” (Biesinger (2022)).
Wenn du plötzlich Ohrgeräusche bemerkst, die von einem Hörverlust begleitet werden, geh innerhalb von 72 Stunden zum HNO-Arzt oder in die Notaufnahme. Die Kortison-Therapie wirkt nur in einem engen Zeitfenster. Selbstbehandlung mit rezeptfreien Mitteln kostet wertvolle Zeit.
Durchblutungsfördernde Infusionen (sogenannte rheologische Mittel wie Pentoxifyllin) wurden früher häufig beim Hörsturz eingesetzt. Die aktuelle Evidenzlage rechtfertigt das nicht mehr. Die AWMF spricht sich gegen ihren Einsatz aus, auch in der Akutphase.
Ginkgo biloba: Zugelassen, aber nicht empfohlen — der Widerspruch erklärt
Ginkgo biloba ist der bekannteste Name, wenn es um Tinnitus-Tabletten rezeptfrei geht. Präparate wie Tebonin haben in Deutschland eine arzneimittelrechtliche Zulassung für “unterstützende Therapie bei Tinnitus”. Das klingt nach einer offiziellen Bestätigung der Wirksamkeit. Es ist keine.
Wie ist das möglich? Die Zulassung von Ginkgo erfolgt nach Paragraph 39a des deutschen Arzneimittelgesetzes, der für traditionelle pflanzliche Arzneimittel gilt. Dieser Paragraf sieht keinen vollständigen Wirksamkeitsnachweis durch klinische Studien vor. Stattdessen wird auf historische Verwendung, Kommission-E-Monographien und ESCOP-Bewertungen gestützt. “Zugelassen” in diesem Sinne bedeutet: unbedenklich und traditionell verwendet — nicht: in RCTs wirksamer als Placebo.
Genau das zeigt die aktuelle Forschung. Die Cochrane-Metaanalyse von 2022 schloss 12 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 1.915 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein. Das Ergebnis: Ginkgo biloba hatte auf die Tinnitus-Symptomstärke (gemessen mit dem Tinnitus Handicap Inventory) keinen signifikanten Effekt gegenüber Placebo. Die mittlere Differenz lag bei -1,35 Punkten auf einer Skala von 0 bis 100 (95%-KI -8,26 bis 5,55). Das ist klinisch bedeutungslos. Die Gewissheit der Evidenz wurde als “sehr gering” eingestuft (Sereda et al. (2022)).
Die AWMF S3-Leitlinie für chronischen Tinnitus spricht daher eine klare Grade-A-Empfehlung aus: Ginkgo biloba soll nicht eingesetzt werden (DGHNO-KHC (2021)).
Viele Menschen haben Ginkgo genommen und glauben, es habe geholfen. Das ist kein Selbstbetrug. Tinnitus zeigt bei vielen Menschen eine natürliche Schwankung — mal lauter, mal leiser. Wenn ein Mittel zufällig in eine Besserungsphase fällt, schreibt das Gehirn die Verbesserung dem Mittel zu. Dazu kommt der Placeboeffekt, der bei subjektiven Symptomen wie Tinnitus messbar wirksam ist. Beides erklärt positive Erfahrungen ohne klinische Wirksamkeit des Wirkstoffs selbst.
Noch ein Sicherheitshinweis: Ginkgo ist kein harmloses Naturprodukt ohne Risiken. Das IQWiG weist ausdrücklich auf mögliche Magen-Darm-Beschwerden, allergische Reaktionen und Wechselwirkungen mit Antikoagulantien hin (Institut). Wer Blutverdünner nimmt, sollte Ginkgo-Präparate nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt einnehmen.
Zink, Magnesium, Vitamin B12: Nahrungsergänzungsmittel ohne Zulassung
In der Apotheke oder im Onlinehandel findest du viele Produkte, die Zink, Magnesium oder Vitamin B12 gegen Tinnitus bewerben. Die Deutsche Tinnitus-Liga bringt es direkt auf den Punkt: “Ob mit Ginkgo, Zink oder einer ganzen Liste anderer Inhaltsstoffe: Nahrungsergänzungsmittel haben bislang keinen wissenschaftlich gesicherten Nutzen bei Tinnitus” (Deutsche).
Das liegt nicht nur an fehlenden Studien — es liegt am System. Nahrungsergänzungsmittel müssen keine Wirksamkeit nachweisen, bevor sie verkauft werden dürfen. Für Zink gibt es immerhin eine Cochrane-Metaanalyse (3 RCTs, n=209), die keinen Beleg für eine Verbesserung von Tinnitus-Symptomen durch Zink-Supplementierung fand. Für Magnesium und Vitamin B12 fehlen vergleichbare Studien zu Tinnitus bisher weitgehend — die AWMF S3-Leitlinie empfiehlt dennoch klar: Nahrungsergänzungsmittel sollen bei Tinnitus nicht eingesetzt werden, Grad-A-Empfehlung (DGHNO-KHC (2021)).
Wann könnte eine Supplementierung trotzdem sinnvoll sein? Wenn ein tatsächlicher Mangel nachgewiesen wurde — etwa ein Vitamin-B12-Mangel im Blutbild — kann eine Behandlung des Mangels generell sinnvoll sein, auch wenn sie den Tinnitus wahrscheinlich nicht beeinflusst. Lass einen Mangel vom Arzt abklären, bevor du eigenständig Präparate einnimmst. Das spart Geld und vermeidet unnötige Einnahme.
Kein Nahrungsergänzungsmittel ist in Deutschland als Tinnitus-Therapeutikum zugelassen. Keines hat in hochwertigen klinischen Studien eine Wirksamkeit bei Tinnitus gezeigt. Die AWMF S3-Leitlinie empfiehlt ausdrücklich, sie nicht einzusetzen.
Fazit: Was du wirklich tun kannst
Kein Medikament heilt chronischen Tinnitus — und kein Nahrungsergänzungsmittel auch. Das ist eine schwierige Aussage, wenn man mitten in der Belastung steckt. Aber sie öffnet den Blick auf das, was tatsächlich hilft: Die AWMF S3-Leitlinie empfiehlt Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) auf Basis einer Metaanalyse von 28 Studien mit 2.733 Teilnehmenden als evidenzbasierte Behandlung (Biesinger (2022)). Tinnitus-Counseling und Hörgeräte bei begleitendem Hörverlust sind weitere belegte Optionen.
Der erste konkrete Schritt: Geh zum HNO-Arzt, besonders wenn der Tinnitus neu aufgetreten ist. Bei einem akuten Ereignis zählt jede Stunde. Bei chronischem Tinnitus öffnet ein Arztgespräch den Weg zu den Behandlungen, die wirklich etwas bewirken können.
