Tinnitus im Alter: Wenn Ohrgeräusche und Schwerhörigkeit zusammenkommen

Tinnitus im Alter: Wenn Ohrgeräusche und Schwerhörigkeit zusammenkommen
Tinnitus im Alter: Wenn Ohrgeräusche und Schwerhörigkeit zusammenkommen

Wenn das Ohr auf zwei Fronten kämpft

Ein Pfeifen oder Rauschen im Ohr, das nicht aufhört. Und gleichzeitig das Gefühl, in Gesprächen immer öfter nachfragen zu müssen, Wörter zu verpassen, dem Gespräch einfach nicht mehr folgen zu können. Wer mit beidem gleichzeitig lebt, kennt diese besondere Art der Erschöpfung. Die gute Nachricht: Tinnitus und Schwerhörigkeit im Alter hängen biologisch eng zusammen. Wer das eine behandelt, hilft oft auch dem anderen.

Tinnitus im Alter: Das Wichtigste auf einen Blick

Bei älteren Menschen gehen Tinnitus und Schwerhörigkeit häufig Hand in Hand. Unbehandelte Schwerhörigkeit verstärkt die Ohrgeräusche, weil das Gehirn den fehlenden Höreingang durch erhöhte zentrale Aktivität kompensiert. Hörgeräte können diesen Kreislauf unterbrechen und gleichzeitig das Demenzrisiko senken.

  • Etwa 1 von 5 älteren Erwachsenen hat Tinnitus (Oosterloo et al. (2021))
  • Schwerhörigkeit verdoppelt das Tinnitus-Risiko (OR 2,27 laut Oosterloo et al. (2021))
  • Hörgeräte helfen gegen Schwerhörigkeit und können auch Tinnitus-Beschwerden reduzieren (DGHNO-KHC & Mazurek (2021))
  • Tinnitus selbst verursacht keine Demenz. Unbehandelte Schwerhörigkeit ist jedoch der größte einzelne veränderbare Demenzrisikofaktor (Livingston et al. (2020))

Warum Tinnitus im Alter und Schwerhörigkeit so oft gemeinsam auftreten

Im Innenohr sitzen winzige Haarzellen, die Schallwellen in elektrische Signale umwandeln. Mit dem Alter gehen viele dieser Zellen unwiederbringlich verloren. Das Ergebnis ist die sogenannte Presbyakusis, die altersbedingte Schwerhörigkeit. Sie ist die dritthäufigste chronische Behinderung bei älteren Erwachsenen (Jafari et al. (2019)).

Das Gehirn reagiert auf den reduzierten Höreingang auf eine Weise, die gut gemeint, aber problematisch ist: Es dreht seine eigene Lautstärke hoch. Fachleute nennen das den zentralen Gain. Wenn der akustische Input abnimmt, erhöhen die zentralen Hörneuronen ihre spontane Aktivität, um den Verlust auszugleichen (Sedley (2019)). Das ist in etwa so, als würde man bei einem Radio ohne Empfang die Lautstärke aufdrehen. Das Ergebnis: mehr Rauschen, kein Signal. Im Gehirn entsteht daraus ein Phantomgeräusch, das als Tinnitus wahrgenommen wird.

In der Rotterdam-Studie, einer großen Beobachtungsstudie mit über 6.000 älteren Menschen, hatte jeder Fünfte Tinnitus. Menschen mit Schwerhörigkeit hatten ein mehr als doppelt so hohes Risiko, auch Tinnitus zu entwickeln (OR 2,27, Oosterloo et al. (2021)). Die zentrale Botschaft: Schwerhörigkeit und Tinnitus sind nicht zwei getrennte Probleme, die gleichzeitig auftreten. Sie entstehen oft aus derselben Ursache und verstärken sich gegenseitig.

Altersbedingter Haarzellverlust ist der gemeinsame Ursprung von Presbyakusis und Tinnitus. Das Gehirn kompensiert den Hörverlust durch erhöhte zentrale Aktivität, was Phantomgeräusche erzeugt. Hörgeräte setzen direkt an dieser Ursache an.

Warum eine unbehandelte Schwerhörigkeit den Tinnitus lauter macht

Viele ältere Menschen merken, dass ihr Gehör nachlässt, zögern aber trotzdem mit dem Schritt zum Hörgerät. Die Gründe dafür sind menschlich und verständlich: Scham, die Überzeugung, es noch nicht wirklich zu brauchen, oder Sorgen wegen der Kosten.

Das Problem: Wer trotz nachgewiesenem Hörverlust kein Hörgerät trägt, entzieht seinem Gehirn weiterhin den akustischen Input, den es braucht. Der zentrale Gain bleibt erhöht, die Phantomgeräusche werden lauter oder störender wahrgenommen. Die Deutsche Tinnitus-Liga beschreibt, dass das Gehirn ohne ausreichenden Hörreiz mit der Zeit korrekte Hörmuster verlernt, was das Problem langfristig verstärkt.

Ein Hörgerät schließt diese Lücke. Es liefert dem Gehirn wieder die akustischen Signale, die es benötigt, und kann den zentralen Gain-Mechanismus dämpfen. In einem großen Kohortendatensatz mit 3.670 Hörbeeinträchtigten, der in der Übersichtsarbeit von Jafari et al. (2019) dokumentiert ist, verbesserte die Versorgung mit Hörgeräten sowohl die kognitiven als auch die psychosozialen Funktionen der Betroffenen deutlich.

Für Menschen mit Tinnitus und Schwerhörigkeit gibt es zudem sogenannte Kombigeräte, also Hörgeräte mit integriertem Tinnitus-Noiser. Sie versorgen das Gehör und überlagern gleichzeitig das Tinnitus-Geräusch mit einem angenehmen Hintergrundrauschen. Die AWMF S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus nennt Hörgeräte ausdrücklich als evidenzbasierte Behandlungsoption (DGHNO-KHC & Mazurek (2021)).

Hörgeräte werden bei medizinisch festgestellter Schwerhörigkeit von der gesetzlichen Krankenkasse bezuschusst. Dein HNO-Arzt kann die Indikation stellen und die Kostenübernahme einleiten.

Die Hemmschwelle ist verständlich. Aber der Preis des Wartens ist real: Je länger ein Hörverlust unbehandelt bleibt, desto tiefer verankert sich der zentrale Gain, und desto schwerer lässt er sich zurückregeln.

Tinnitus, Schwerhörigkeit und Demenz: Was stimmt und was nicht

Viele ältere Menschen, die von einem möglichen Zusammenhang zwischen Tinnitus und Demenz hören, sind beunruhigt. Diese Sorge lässt sich konkret einordnen.

Tinnitus selbst verursacht keine Demenz. Das ist wichtig und entlastend. Was jedoch nachgewiesen ist: Unbehandelte Schwerhörigkeit ist laut der Lancet-Kommission mit einem Bevölkerungsanteil von etwa 7 bis 8 Prozent der größte einzelne veränderbare Demenzrisikofaktor überhaupt (Livingston et al. (2020)). Nicht Tinnitus. Schwerhörigkeit.

Der Zusammenhang zwischen Tinnitus und kognitiven Funktionen besteht dennoch, aber auf anderem Weg: Wer stark unter Tinnitus leidet, hat eine höhere kognitive Zusatzbelastung. Eine Beobachtungsstudie mit 146 Tinnitus-Patienten zeigte, dass ausgeprägte Tinnitus-Belastung unabhängig vom Ausmaß des Hörverlustes den Wortschatzabruf und exekutive Funktionen beeinträchtigt (Neff et al. (2021)). Eine zweite Studie mit 107 Patienten kam zu ähnlichen Ergebnissen für Aufmerksamkeit und kognitive Interferenz (Brueggemann et al. (2021)).

Das bedeutet: Der gemeinsame Nenner ist der cochleäre Schaden, also die Schädigung des Innenohrs. Dieser führt zu Hörverlust und Tinnitus zugleich. Wer die Schwerhörigkeit behandelt, unterbricht eine wichtige Kette. Die Lancet-Kommission hält in ihrem aktuellsten Bericht fest, dass die Nutzung von Hörgeräten besonders wirksam für Menschen mit Hörverlust und weiteren Demenzrisikofaktoren zu sein scheint (Livingston et al. (2020)).

Die Sorge, dass Tinnitus Demenz verursacht, ist verbreitet, aber nicht belegt. Unbehandelte Schwerhörigkeit ist das eigentliche Risiko. Wenn Du Dir Sorgen machst, ist das ein Grund mehr, einen Hörtest zu machen, und kein Grund zur Panik.

Medikamente im Alter: Ein unterschätzter Tinnitusverstärker

Ältere Menschen nehmen häufig mehrere Medikamente gleichzeitig ein, was in der Medizin als Polypharmazie bezeichnet wird. Was viele nicht wissen: Einige weit verbreitete Wirkstoffe können das Gehör oder den Tinnitus negativ beeinflussen.

Zu den potenziell ototoxischen Substanzen zählen Schleifendiuretika wie Furosemid, das häufig bei Herzinsuffizienz eingesetzt wird, hochdosierte Schmerzmittel wie Aspirin oder andere NSAIDs sowie bestimmte Antibiotikaklassen wie Aminoglykoside. Diese Medikamente können die Haarzellen im Innenohr schädigen oder einen bestehenden Tinnitus verstärken.

Setze keine Medikamente eigenmächtig ab. Die meisten davon werden aus guten medizinischen Gründen verschrieben. Was Du tun kannst: Bring beim nächsten HNO-Termin eine vollständige Liste Deiner Medikamente mit und bitte um eine Einschätzung, ob eines davon möglicherweise Deinen Tinnitus beeinflusst. Dein Arzt kann gegebenenfalls Alternativen prüfen.

Was ältere Betroffene konkret tun können

Tinnitus und Schwerhörigkeit im Alter lassen sich nicht immer vollständig beseitigen, aber es gibt klare Schritte, die wirklich etwas verändern können.

Hörtest beim HNO-Arzt machen lassen. Das ist der erste und unverzichtbare Schritt. Nur wer weiß, wie stark sein Gehör betroffen ist, kann die richtigen Entscheidungen treffen. Tinnitus und Alves et al. (2023) bestätigen, dass Hörverlust und Tinnitus die häufigsten Gründe für HNO-Überweisungen bei älteren Patienten sind. Du bist damit nicht allein.

Das Hörgerät frühzeitig annehmen. Je früher ein Hörgerät angepasst wird, desto besser kann das Gehirn die korrekten Hörmuster behalten. Wer wartet, riskiert, dass sich der zentrale Gain weiter vertieft und der Tinnitus lauter wird.

Ein Kombigerät mit Tinnitus-Noiser ansprechen. Wenn Du sowohl unter Hörverlust als auch unter Tinnitus leidest, gibt es Geräte, die beides adressieren. Frag Deinen HNO-Arzt oder Hörakustiker gezielt danach.

Medikamentenliste überprüfen lassen. Bring alle aktuellen Medikamente zum nächsten Termin mit. Eine einfache Überprüfung kann versteckte Tinnitusverstärker aufdecken.

Sozial aktiv bleiben. Sozialer Rückzug, der durch Hörprobleme und Tinnitus entsteht, kann die Situation verschlechtern. Gespräche, auch wenn sie manchmal anstrengend sind, halten das Gehirn aktiv und wirken der kognitiven Belastung entgegen, die durch Tinnitus-Distress entsteht (Jafari et al. (2019)).

Fazit: Wer das Hören behandelt, hilft auch dem Tinnitus

Tinnitus und Schwerhörigkeit im Alter sind kein unabwendbares Doppelschicksal, das man einfach hinnehmen muss. Beide Phänomene teilen eine gemeinsame Ursache, und wer die Schwerhörigkeit aktiv angeht, unterbricht einen biologischen Kreislauf, der beide Probleme verstärkt. Hörgeräte schützen nicht nur das Verstehen von Gesprächen. Sie können den Tinnitus leiser machen, die kognitive Gesundheit unterstützen und die Lebensqualität spürbar verbessern. Das ist kein Versprechen, aber es ist das, was die Forschung bisher zeigt. Der nächste Schritt liegt nah: ein Hörtest beim HNO-Arzt.

Mehr darüber, wie man im Alltag mit Tinnitus umgeht und welche Strategien langfristig helfen, findest Du in unserem Hauptartikel: Leben mit Tinnitus: Ratgeber für Alltag, Emotionen und Coping-Strategien.

Häufig gestellte Fragen

Warum pfeift es im Ohr, wenn man schwerhörig wird?

Wenn das Innenohr durch Haarzellverlust weniger akustische Signale liefert, erhöht das Gehirn seine eigene Aktivität, um den Verlust auszugleichen. Diesen Mechanismus nennt man zentralen Gain. Dabei entstehen Phantomgeräusche, die als Tinnitus wahrgenommen werden.

Macht Tinnitus dement?

Nein, Tinnitus selbst verursacht keine Demenz. Was jedoch belegt ist: Unbehandelte Schwerhörigkeit ist der größte einzelne veränderbare Demenzrisikofaktor, mit einem Bevölkerungsanteil von rund 7 bis 8 Prozent laut der Lancet-Kommission. Wer seine Schwerhörigkeit behandelt, senkt dieses Risiko.

Hilft ein Hörgerät auch gegen Tinnitus?

Ja, bei vielen Menschen mit Tinnitus und gleichzeitiger Schwerhörigkeit kann ein Hörgerät die Ohrgeräusche lindern. Es liefert dem Gehirn wieder akustischen Input und kann den zentralen Gain-Mechanismus dämpfen, der den Tinnitus erzeugt. Die AWMF S3-Leitlinie nennt Hörgeräte ausdrücklich als evidenzbasierte Option.

Welche Medikamente können Ohrgeräusche verschlimmern?

Schleifendiuretika wie Furosemid, hochdosiertes Aspirin und andere NSAIDs sowie bestimmte Antibiotika (Aminoglykoside) können das Innenohr belasten und einen bestehenden Tinnitus verstärken. Setze keine Medikamente eigenmächtig ab, sondern besprich Deine Medikamentenliste mit Deinem Arzt.

Ab welchem Alter sollte ich einen Hörtest machen lassen?

Ein Hörtest ist sinnvoll, sobald Du merkst, dass Du in Gesprächen öfter nachfragen musst oder Tinnitus entwickelst. Spätestens ab 60 Jahren empfiehlt sich eine regelmäßige Kontrolle beim HNO-Arzt, auch ohne auffällige Beschwerden.

Bekomme ich ein Hörgerät von der Krankenkasse bezahlt?

Bei medizinisch festgestellter Schwerhörigkeit bezuschussen gesetzliche Krankenkassen in Deutschland die Grundversorgung mit einem Hörgerät. Dein HNO-Arzt stellt die Indikation und leitet die Kostenübernahme ein.

Was ist ein Kombigerät mit Tinnitus-Noiser?

Ein Kombigerät ist ein Hörgerät mit integriertem Tinnitus-Noiser. Es verbessert gleichzeitig das Hörvermögen und überlagert das Tinnitus-Geräusch mit einem angenehmen Hintergrundrauschen. Für Menschen mit beiden Beschwerden kann das eine sinnvolle Option sein.

Warum wird mein Tinnitus schlimmer, wenn ich das Hörgerät nicht trage?

Ohne Hörgerät fehlt dem Gehirn weiterhin der akustische Input, den es braucht. Der zentrale Gain bleibt erhöht, und der Tinnitus wird lauter oder störender wahrgenommen. Regelmäßiges Tragen des Hörgeräts hilft, diesen Kreislauf zu unterbrechen.

Quellen

  1. Oosterloo BC, Croll PH, Baatenburg de Jong RJ, Ikram MK, Goedegebure A (2021) Prevalence of Tinnitus in an Aging Population and Its Relation to Age and Hearing Loss Otolaryngology–Head & Neck Surgery
  2. Jafari Z, Kolb BE, Mohajerani MH (2019) Age-related hearing loss and tinnitus, dementia risk, and auditory amplification outcomes Ageing Research Reviews
  3. Sedley W (2019) Tinnitus: Does Gain Explain? Neuroscience
  4. Livingston G, Huntley J, Sommerlad A, et al. (2020) Dementia prevention, intervention, and care: 2020 report of the Lancet Commission The Lancet
  5. Neff P, Simões J, Psatha S, Nyamaa A, Boecking B, Rausch L, Dettling-Papargyris J, Funk C, Brueggemann P, Mazurek B (2021) The impact of tinnitus distress on cognition Scientific Reports
  6. Brueggemann P, Neff PKA, Meyer M, Riemer N, Rose M, Mazurek B (2021) On the relationship between tinnitus distress, cognitive performance and aging Progress in Brain Research
  7. Alves CS, Santos M, Castro A, Lino J, Freitas SV, Almeida e Sousa C, da Silva ÁM (2023) Geriatric otorhinolaryngology: reasons for outpatient referrals from generalists to ENT specialists European Archives of Oto-Rhino-Laryngology
  8. DGHNO-KHC (Hesse G, Mazurek B et al.) (2021) S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus AWMF / DGHNO-KHC

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