Tinnitus-Forschung aktuell: Nacken, Kiefer, Augenbewegungen und Chemotherapie

Diese Ausgabe beleuchtet drei verschiedene Themen rund um Hören und Tinnitus: körperliche Funktionsstörungen im Nacken- und Kieferbereich als Ursache somatosensorischen Tinnitus, einen Einzelfall, der zeigt wie Augenbewegungen Geräusche auslösen können, und die Bedeutung audiologischer Voruntersuchungen vor einer Chemotherapie. Die Beiträge stammen aus unterschiedlichen Forschungsfeldern, haben aber eines gemeinsam: Sie helfen, Tinnitus-Ursachen präziser einzuordnen.

Nacken- und Kieferstörungen bei somatosensorischem Tinnitus

Studienkontext: Diese Querschnittsstudie untersuchte 161 Patientinnen und Patienten, bei denen somatosensorischer Tinnitus (ST) diagnostiziert worden war. ST bezeichnet die Form von Tinnitus, bei der Funktionsstörungen der Halswirbelsäule oder des Kiefergelenks das Ohrgeräusch beeinflussen. Das betrifft schätzungsweise 25 % aller Menschen mit Tinnitus. Die Studienteilnehmenden absolvierten eine umfangreiche Untersuchungsreihe: Fragebögen zur Nacken- und Kieferbeschwerden, Tests zur Gelenkpositionierung und Beweglichkeit sowie die Bestimmung aktiver myofaszialer Triggerpunkte.

Was die Forschenden herausgefunden haben: 95 % der Teilnehmenden hatten mindestens einen aktiven myofaszialen Triggerpunkt in der Nackenmuskulatur. Bei 25 % waren alle getesteten Nackenmuskeln betroffen. Die Hälfte der Gruppe zeigte Triggerpunkte in der Kiefermuskulatur. Außerdem war die Beweglichkeit des Kiefers, besonders bei der Vorschubbewegung (Protrusion), eingeschränkt. Die Befunde spiegelten sich auch in den Fragebogen-Scores wider.

Offene Fragen: Die Studie hat ein Querschnittsdesign, d. h. sie kann keine Aussage darüber treffen, ob die körperlichen Befunde den Tinnitus verursachen oder umgekehrt. Eine Kontrollgruppe ohne Tinnitus fehlte. Außerdem war die Gruppe der ST-Patienten hinsichtlich der Beschwerden sehr heterogen. Ob gezielte physiotherapeutische Behandlung dieser Befunde den Tinnitus tatsächlich lindert, muss in kontrollierten Therapiestudien noch gezeigt werden.

Was das für dich bedeutet

Wenn sich dein Tinnitus bei Kopfbewegungen oder Kieferbelasten verändert, legt diese Studie nahe, dass eine physiotherapeutische Untersuchung von Halswirbelsäule und Kiefergelenk sinnvoll sein kann. Die Ergebnisse unterstützen einen körpertherapeutischen Ansatz bei ST, beweisen aber noch nicht, dass die Behandlung dieser Befunde den Tinnitus zuverlässig bessert.

Quelle

  1. Demoen Sara, Timmermans Annick, Van Rompaey Vincent, Vermeersch Hanne, Joossen Iris, Clement Charis, Gilles Annick, Michiels Sarah Neck and jaw dysfunctions in somatosensory tinnitus: Clinical insights and implications. Musculoskeletal Science and Practice

Hörtests vor Chemotherapie: Warum eine Baseline wichtig ist

Studienkontext: Diese prospektive Querschnittsstudie an einem einzelnen Zentrum nahm 110 Erwachsene auf, die zum ersten Mal eine platinbasierte Chemotherapie erhalten sollten. Vor Behandlungsbeginn wurden umfangreiche Hör- und Gleichgewichtstests durchgeführt, darunter Tonschwellenaudiometrie, Sprachaudiometrie, otoakustische Emissionen und Vestibulartests. Das Ziel war herauszufinden, ob sich solche Tests in den klinischen Alltag der Onkologie integrieren lassen und wie der Hörstatus vor der Therapie aussieht.

Was die Forschenden herausgefunden haben: Bereits vor Beginn der Chemotherapie hatten 44,5 % der Teilnehmenden eine Schwerhörigkeit (30,9 % beidseitig, 13,6 % einseitig). 9,1 % berichteten von Tinnitus, und 34,5 % hatten Schwierigkeiten beim Sprachverstehen in Lärm. Die audiologischen Tests ließen sich weitgehend durchführen, auch bei älteren Patienten. Vestibulartests waren bei etwa 40 % aus logistischen oder körperlichen Gründen nicht vollständig möglich.

Offene Fragen: Die Studie erfasst nur den Ausgangszustand. Ob und in welchem Ausmaß sich Hören und Gleichgewicht durch die Chemotherapie verschlechtern, muss in Längsschnittuntersuchungen gezeigt werden. Die Studie umfasste außerdem nur ein einziges Zentrum, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse einschränkt. Es fehlen bisher einheitliche Protokollvorgaben, die an deutschen Onkologieabteilungen flächendeckend umsetzbar wären.

Was das für dich bedeutet

Wenn du eine platinbasierte Chemotherapie beginnst, kann ein Hörtest vor der ersten Behandlung helfen, spätere Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Sprich deinen behandelnden Arzt oder deine Ärztin darauf an. In Deutschland ist eine solche Voruntersuchung nicht standardmäßig vorgeschrieben, aber beim HNO-Arzt oder in audiologischen Abteilungen möglich.

Quelle

  1. Van Der Biest Heleen, Verhulst Sarah, Keppler Hannah, Maes Leen, Acke Frederic, Naert Eline, Rottey Sylvie, Dhooge Ingeborg Pre-treatment audiological and vestibular assessment in adults starting platinum-based chemotherapy. Supportive Care in Cancer

Augenbewegungen lösen Ohrgeräusche aus: Ein seltener Einzelfall

Studienkontext: Dieser Fallbericht beschreibt eine einzelne Patientin mit einer seltenen Erkrankung namens Tensor-tympani-Myoklonus. Dabei zieht sich der Tensor tympani, ein kleiner Muskel im Mittelohr, unkontrolliert zusammen. Die Besonderheit bei dieser Patientin: Sie hörte Geräusche, sobald sie ihre Augen weit nach links bewegte. Die Forschenden konnten diese Geräusche mit einem Mikrofon im Gehörgang aufzeichnen und die Verbindung zu den Augenbewegungen nachweisen.

Was die Forschenden herausgefunden haben: Die aufgezeichneten Geräusche ähnelten den sogenannten Eye-Movement-Related Eardrum Oscillations (EMREOs), also augenbewegungsbedingten Trommelfellschwingungen, die in früherer Forschung beschrieben wurden. Bei dieser Patientin waren sie jedoch deutlich lauter und länger andauernd, weil der Tensor tympani abnorm auf die Augenbewegungssignale reagierte. Die Studie liefert damit einen Hinweis darauf, dass Augenbewegungssignale das Mittelohr tatsächlich erreichen und bei Vorliegen einer Muskelfunktionsstörung hörbare Geräusche erzeugen können.

Offene Fragen: Als Einzelfallbericht lassen sich aus dieser Studie keine allgemeinen Schlussfolgerungen ziehen. Die Befunde sind für die Grundlagenforschung relevant, nicht für die klinische Behandlung. Es bleibt offen, wie häufig eine solche Verbindung zwischen Augenbewegungen und Tinnitus bei anderen Ursachen vorkommt und ob therapeutische Konsequenzen daraus folgen können.

Was das für dich bedeutet

Wenn sich dein Tinnitus beim Bewegen der Augen oder beim Blicken in extreme Positionen verändert, kann das einen mechanischen Ursprung im Mittelohr haben. Dieser Einzelfall erklärt einen möglichen Mechanismus, bietet aber noch keine Behandlungsoption. Berichte deinen HNO-Arzt von solchen Beobachtungen, da die Ursache klinisch abgeklärt werden sollte.

Quelle

  1. King Cynthia D, Zhu Tingan, Groh Jennifer M Hearing sounds when the eyes move: A case study implicating the tensor tympani in eye movement-related peripheral auditory activity. bioRxiv (Preprint)

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